Aus der Geschichte lernen?

Geschichte ist deshalb so wichtig, weil wir aus ihr lernen können. So viel zum Wahlspruch von Geschichtslehrern und einigen anderen – die im Zweifel aber gar nicht so falsch liegen. Das jedenfalls kommt einem in den Sinn, wenn man das neue Jüdische Museum in der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Form der Dauerausstellung „Tora und Textilien“ besucht, das offen, anschaulich und eindrucksvoll das oben Genannte möglich macht.

Im Museum, das mehr oder weniger aus einer geschickt möblierten bisherigen Erinnerungshalle besteht, wird vieles gezeigt, was zwischen der ersten Erwähnung von Juden im 17. Jahrhundert bis heute erzählt, was jüdisches Leben im Bergischen Land ausmacht.
Das erste Dokument ist ein Schutzbrief eines Schwelmer Juden – nichts anders als ein heutiger Asylantrag mit Aufenthaltsgenehmigung, erklärt Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge.

Und damit ist man gleich mitten drin im Vergleich zwischen gestern und heute. Bis 1933 haben sich viele Juden so assimiliert, dass ihre Religion völlig unwichtig, vergessen oder vielleicht auch verdrängt wurde. Welch Ironie, dass sie dennoch genau wegen dieser Religion verfolgt wurden. Dabei spielte es auch keine Rolle, ob man keine 20 Jahre zuvor als Soldat im Ersten Weltkrieg für das Heimatland gekämpft hat, das dann den Vernichtungsapparat gegen sie selbst einsetzte.

Schlägt man den Bogen in die heutige Zeit, fällt vor allem die Wortwahl auf: Es spricht keiner mehr von Assimilation, alle aber von Integration. Die Frage ist, ob der Unterschied immer klar ist?Laut Duden heißt Assimilation Angleichung, Integration Vervollständigung oder Eingliederung.
Der Begriff Vervollständigung kommt eigentlich in keiner Diskussion zum Thema Integration vor, weil sich diese meist eher um den (angeblichen) Unwillen zur Eingliederung dreht. Dass unsere Gesellschaft durch Menschen aus anderen Ländern, mit einer anderen Religion oder Hautfarbe erst vollständig wird, ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade der erste Gedanke, der den Menschen dazu einfällt; und das wohl überall auf der Welt.
Und dennoch werden sich wahrscheinlich viele wünschen, dass sich „die Fremden“, was auch immer mit dem Begriff gemeint ist, lieber angleichen, statt „nur“ eingliedern sollen. Oder warum gibt es die Diskussion um Kopftücher bei muslimischen Frauen und Mädchen?

Fremd ist vielen Menschen im Bergischen Land auch das Judentum. Das liegt unter anderem daran, dass nur wenige Juden den Holocaust überlebt haben und noch weniger in ihre alte Heimat zurückkehren wollten. Keine 100 Mitglieder zählte die Jüdische Kultusgemeinde Wuppertal lange Jahre.
Erst mit dem Zuzug der sogenannten Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion wuchs die bergische Gemeinde wieder. Heute zählen über 2.000 Menschen dazu. Aber was ist das für eine Zahl im Vergleich zu den gut 600.000 Einwohnern im Städtedreieck?

So bleiben uns die Juden also auch heute fremd, ebenso wie ihre Religion. Ganz handfest kann man deshalb im Jüdischen Museum zum Beispiel Matzen probieren, in einem Kochbuch für koschere Speisen blättern und unter der Rubrik „irgendwie jüdisch“ heutige Juden ein Stück weit kennenlernen – und dabei gleich herausfinden, dass nichts so ganz typisch ist.

Mit dem Schwerpunkt 19. Jahrhundert zeigt die Ausstellung vor allem die Entwicklung der Gesellschaft hin zu einer demokratischen, bei der sowohl die Französische Revolution als auch die Unabhängigkeitserklärung der USA einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Das gilt gleichermaßen für die Rechte der Juden, die im „Code Napoleon“ erstmals allen anderen gleichgestellt wurden.

Warum und wie das wieder rückgängig gemacht wurde, zeigt die Begegnungsstätte ebenfalls – ebenso anschaulich wie nachdrücklich, weil vielfach personalisiert, etwa durch einen heute unfassbar optimistischen Brief aus Auschwitz oder ein Blümchenkleid, dem ersten zivilen Kleidungsstück einer jungen Wuppertalerin nach ihrer Befreiung aus Bergen-Belsen, das sie jetzt der Begegnungsstätte für das Museum überließ. Also: Hingehen und lernen, denn beim Stöbern in Schränken, Schubladen und Pulten merkt man das gar nicht.

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