Lieber gar keine Energie

Wuppertal bekommt ein neues Studentenwohnheim, von dem der Architekt Christian Schlüter sagt: „Die beste Energie ist die, die gar nicht erst verbraucht wird“. Wahrscheinlich hat er am Mittwoch (9. März) noch nicht gewusst, wie viele Befürworter er heute mit dieser Aussage haben wird.

Die Architekten vom Wuppertaler „Contor Müller Schlüter“ setzen die Materialien nach eigenen Angaben genau dort ein, wo sie ihre besten Eigenschaften entfalten könnten: Eine Betonhülle als Wärmespeicher und Schallschutz sowie Holz für die Wärmedämmung, auf die Betonhülle montiert (mit hinterlüfteten Fassadenplatten, wie es offiziell heißt). Auf eine Heizung könne man damit verzichten, zumal die Bewohner mit ihren Rechnern und Küchen schon von selbst für Wärme sorgen würden.

Und auch einer weit verbreiteten Energieverschwendung schiebt Schlüter einen Riegel vor: dem gekippten Fenster bei laufender Heizung. Weil es letztere nicht gibt, bleibt für die Architekten nur, bei den raumhohen Fenstern auf die Kippstellung zu verzichten, die sowieso kaum für einen Luftaustauch sorge. Wer in einem der drei Neubauten unterhalb der Bergischen Universität lüften möchte, muss die Fenster schon ganz öffnen, womit sowohl frische, als auch bei entsprechenden Temperaturen kalte Luft in die Studentenzimmer (alle mit eigenem WC und Bad) kommt. Für den Rest sorgt eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.

Mit dem Bau der drei Passivhäuser wurde bereits begonnen; im Wintersemester 2012/2013 sollen 84 Studenten dort eine Bleibe finden (was angesichts des „doppelten“ Abiturjahrgangs mit Abiturienten nach zwölf und 13 Schuljahren wahrscheinlich bitter nötig sein wird). Dafür nimmt der Bauherr, das Hochschul-Sozialwerk Wuppertal, nach Angaben des Geschäftsführers Fritz Berger 6,65 Millionen Euro in die Hand, von denen etwas weniger als die Hälfte als Darlehen aus dem Sozialen Wohnungsbau von der Stadt zur Verfügung gestellt wird.

Also: Nicht nur der Verzicht auf Atomenergie und eine Ausweitung der regenerativen Energien sind derzeit gefragt, sondern eben auch die Möglichkeit, Energie gar nicht erst nutzen zu müssen. Weil in Wuppertal schon viele Studenten das Wohnen ohne Heizung kennen (im Studentenwohnheim „Neue Burse“, das ebenfalls nach dem Passivhaus-Standard gebaut wurde), werden sie das bei einer späteren Wohnungswahl wahrscheinlich für selbstverständlich halten.

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