In the Ghetto!?

Ein Musikfestival rund um den Wupperfelder Markt, „in the Ghetto“, wie auch das Motto der abschließenden Party lautete? Wer sehen will, ob das funktionieren kann, muss selbst hingehen. Und das taten wir am 29. September 2012.
Treffpunkt war das gute, alte Kino Cinema. Auf dem Programm stand eine Begegnung zwischen der Kantorei Barmen-Gemarke und dem Wuppertaler Improvisationsorchester. Das Fazit: Die Improvisation hat über den eigentlich erwarteten klassischen Chorgesang gesiegt.
Ob das gut war? Keine Ahnung. Es war zumindest sehr experimentell, überraschend und erstaunlich – und das ist ja auch schon einmal etwas.

Und schon bei diesem ersten Konzert griff das Konzept des Festivals: Kein Programmpunkt sollte länger als eine halbe Stunde dauern – lange genug, um in die Musik eintauchen zu können, aber auch kurz genug für Experimente, die dann vielleicht doch nicht so gut gefallen.
Also auf zum nächsten ausgewählten Veranstaltungsort (parallel liefen jeweils um die drei Programmpunkte), dem „Haarstudio Lia“. Was ungewöhnlich klingt, ging in den nächsten beiden Stunden komplett auf: Erst philosophierten „Gin & Fizz“, alias Detlef Bach und Andy Dino Iussa, über die Welt als Etagere, dann rockte „Dörthe aus Heckinghausen“ den bis in die letzte Ecke besetzten Salon. Das trieb einem nicht nur den Schweiß auf die Stirn, sondern auch die Lachtränen in die Augen, weil in beiden Programmen nicht nur Wuppertal, sondern gerade auch das eher wenig glamouröse Oberbarmen rund um den Wupperfelder Markt auf die Schippe genommen wurde, wie es im allseits beliebten Luisenviertel, in dem das „Viertelklangfestival“ im letzten Jahr stattgefunden hatte, nie möglich gewesen wäre.

 

Mit einem Schlenker über den Stand mit griechischen Speisen und Getränken ging es weiter in die Färberei zum griechischen Chor. Was als Verschnaufpause mit eher wenigen Besuchern erwartet wurde, stellte sich als schöne Reise durch die griechischen Provinzen heraus, bei der der anfangs schüchtern-nervöse Chor unter der Leitung von Marianna Zormpa angesichts des vollen Zuschauerraums schnell Selbstbewusstsein sammelte.

Die absolute Entdeckung des Abends erreichte uns bei Programmpunkt fünf in der Immanuelskirche, in der Marvin Dillmann mit seinen Digeridoos und Percussions auf uns wartete. Im Duett mit Daniel Bark am Harmonium und Piano zeigten beide, wie experimentelle, neue Musik mit eigentlich nicht zusammenpassenden Instrumenten funktionieren kann.
Nach einem 40-minütigen Non-Stop-Stück (ja, beide durften, mussten einfach die halbe Stunde sprengen) herrschte im ersten Moment im Publikum atemlose Stille, bevor großer Jubel ausbrach.
Sollte man nach diesem grandiosen Konzert überhaupt noch Punkt sechs riskieren? Wir wollten – und landeten bei „Guten Abend, gute Nacht“ als Orgelvariante in der Alten Kirche Wupperfeld, was sich als idealer Abschluss herausstellte.

Verpasst haben wir weitere tolle Programmpunkte, wie andere Besucher bestätigten, die man zwischendurch immer wieder traf. Aber 2013 ist sicher die nächste Gelegenheit, Neues in einem anderen Stadtteil zu entdecken. Das hoffe ich zumindest. Und dabei kann ich nur eine Empfehlung geben: Keine Angst vor Experimenten und einer ungewöhnlichen Zusammenstellung – weder, was den Ort noch einen Programmpunkt oder das Gesamtpaket betrifft.

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